Ich treffe Shoshana in einem meiner Lieblingsbordelle.
Nach vier langen Wochen bin ich endlich wieder bei einem Einsatz dabei, endlich wieder Teil des Teams, das alle paar Wochen die Frauen in den dunkelsten Ecken der Großstadt aufsucht. Für diesen Teil der Stadt schlägt mein Herz ganz besonders: Das Viertel, durch das “anständige” Bürger schnell hasten oder es gar völlig meiden und die Straßen, durch die Geschäftsmänner, Familienväter und andere Teilhaber des männlichen Geschlechts auf der Suche nach Vergnügen teils dreist, teils beschämt schleichen und sich schnell in die Hauseingänge drücken – jedes Mal, wenn ich hier bin, erfüllt mich dieses schier unbeschreibliche Gefühl, dass ich genau am richtigen Ort bin. Mein Herz wird ganz warm und gleichzeitig unendlich schwer, denn hier kann man nicht mehr wegsehen. Nur wenige Fahrminuten von meiner heilen Hipster-Großstadt-Bio-Welt befinden sich Bordelle, Fixerstuben, Straßenstriche voller Menschen, deren Leben schon am Ende scheint, bevor es überhaupt angefangen hat. Die, genau wie ich, große Träume und Hoffnungen für ihr Leben hatten, aber irgendwie und irgendwann hat das Leben vorschnell einen Punkt gemacht, ein Satzzeichen gesetzt, ein Ende eingeleitet. Hier treffe ich Shoshana.
Wir sind an diesem Abend ein recht großes Team und können uns so Zeit lassen, wenn wir mit den Frauen sprechen. Und so ist es schon recht spät und meine Partnerin und ich immer noch im ersten Haus. Wir sind bereits zwei Stunden hier und haben unsere “alten Bekannten” besucht: Die Frauen, die wir seit gut einem Jahr jetzt kennen und lieben lernen und die auf uns warten, haben wir alle an diesem Abend angetroffen. Wir sind also schon fast auf dem Weg nach draußen, als uns Shoshana aus ihrem Zimmer heraus anblickt.
Ich habe sie vorher noch nie gesehen und doch ist ihr Verhalten irgendwie anders als das der Frauen, die uns sonst zum ersten Mal begegnen. Wo uns sonst eher Argwohn und Vorsicht entgegenschlägt, hat Shoshana eine Dringlichkeit und Bitte in ihren Augen, die uns innehalten und wieder umdrehen lässt. Sie winkt uns in ihr Zimmer und schon als wir uns ihr vorstellen, sagt sie immer wieder “oración, oración”. Sie scheint von den anderen Frauen gehört zu haben, dass wir, wenn die Frauen es möchten, gerne auch für sie und ihre Anliegen beten wollen.
(Ein kurzer Exkurs zu unserem Vorgehen: Das Ziel unserer Arbeit ist es, den Frauen, die im Rotlichtmilieu arbeiten, mit Liebe, Wertschätzung und auf Augenhöhe zu begegnen. Wir wollen sie lieben und noch viel mehr davon erzählen, wie unendlich Gott sie liebt. Wir möchten Freundinnen und Ansprechpartnerinnen sein in einer Welt, in der sehr wenig nach den Bedürfnissen der Mädchen und Frauen gefragt wird. Als kleine Aufmerksamkeit haben wir gespendete Schminke und Make-Up, Blumen oder andere Geschenke dabei, die den Frauen eine Freude machen. Wenn sie möchten und danach fragen, haben wir auch Bibeln oder anderes Lesematerial – und wenn es ihnen wichtig ist, beten wir gerne mit und für sie.)
Anders als andere Frauen hat Shoshana überhaupt kein Interesse an unserer Schminke, sie zieht uns in ihr Zimmer und möchte sofort, dass wir uns auf ihr Bett setzen. Obwohl mein Spanisch wirklich beschämend schlecht ist, verständigen wir uns mit einer Mischung aus Deutsch, Englisch und Spanisch und sie beginnt zu erzählen:
Sie ist Mitte 20 und kommt eigentlich aus Kolumbien. Sie hat einen zweijährigen Sohn, Luca, und er ist sehr krank: Seit Tagen isst er nichts und trinkt kaum, man merkt Shoshana an, dass sie die Sorge fast nicht aushalten kann. Doch anders als anderen Müttern ist es ihr nicht möglich, Tag und Nacht am Bett ihres Sohnes zu wachen – stattdessen arbeitet sie rund um die Uhr in dem Bett in dem winzigen Zimmer in diesem riesigen Bordell in der Großstadt. Während ihr Sohn in Kolumbien bei ihrer Familie um seine Gesundheit kämpft, kämpft sie hier in Deutschland um sein (Über-)Leben.
Sie möchte, dass wir für ihn beten, für nichts anderes lässt sie Gebet zu und so bitten wir gemeinsam um Gesundheit für Luca. Während ich bete, bricht mir meine Stimme und mein Herz. Wieviele Frauen habe ich in den letzten Monaten hier kennengelernt, die (obwohl sie teilweise noch viel jünger sind als ich) alles zurückgelassen haben, was sie kennen und nun dieser Arbeit nachgehen, um einen Lebensunterhalt für ihre Kinder zu bestreiten. Wie Löwinnen gehen sie mit hoch erhobenem Kopf geradewegs in die Hölle und opfern sich buchstäblich selbst, damit ihre Kinder in ihren Heimatländern, in denen die wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage katastrophal ist, ein besseres Leben oder besser ein Überleben haben. Diese Frauen sind nicht nur bereit, ihren Körper zu verkaufen, sondern sie sind bereit, sich selbst zu geben. Wie sehr spiegelt sich hier – an dieser allerdunkelsten Ecke dieser Stadt – die Liebe Gottes wieder, der sich ebenfalls selbst geopfert hat, damit wir leben können.
Nachdem wir für Shoshana und ihren Sohn gebetet haben, blickt die junge Frau uns an, dankt uns tausendmal und fragt dann kurz vor der Verabschiedung nach unserer Handynummer. Wir haben ein Teamhandy und ich tippe die Nummer in ihr Telefon ein für den Fall, dass sie uns unter der Woche erreichen will. Danach gebe ich ihr das Handy zurück und will ihr gerade unsere Namen sagen, damit sie weiß, wie sie die Telefonnummer abspeichern soll, doch sie hat schon etwas getippt. Erstaunt schaue ich auf das Display – und dort steht:
Mobil de Dios (zu Deutsch: Handynummer von Gott).
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