Nach über einem Jahr habe ich jemanden wiedergetroffen, den ich ganz lange vermisst habe: Maria. Sie ist eine ganz besondere Frau für mich und bedeutet mir viel. Die Begegnung des heutigen Posts habe ich zu Beginn unserer Freundschaft aufgeschrieben – und ich möchte sie heute mit euch teilen:
Maria nimmt mich in den Arm und hält mich ganz fest. Wie sie mich anlächelt, erinnert mich daran, wie meine Oma mich anlächelt und wenn sie mich fragt, wie es mir geht, dann tut sie es mit dem selben prüfenden Blick, mit dem meine Oma mich ansieht, wenn wir uns lange nicht gesehen haben.
Anders als meine Oma jedoch trägt Maria bei unserer Umarmung einen schwarzen String, ein durchsichtiges Negligé und billige, weiße Highheels. Und wenn sie mich einlädt, mich zu setzen, dann gilt diese Einladung für das kleine 90cm Bett in ihrem Bordell-Zimmer in der Hausnummer 46, auf dessen Nachttisch neben einer kleinen Bibel außerdem eine Rolle Küchenpapier steht – und sieben Dildos in verschiedenen Größen.
Maria ist 65, hat sie mir erzählt, vor zwei Wochen hatte sie Geburtstag. Seit ungefähr 3 Monaten besuche ich sie jeden Mittwoch, wenn wir mit den Street-Teams unterwegs sind. Maria kommt aus Kolumbien, an der Tür steht jedoch etwas von Argentinien. Sie erklärt: Hier im Haus sind alle aus Kolumbien – aber eine Latina aus Argentinien, das ist was Besonderes.
Heute geht es ihr nicht besonders gut. Sie hat eine Entzündung am Auge, der Arzt hat ihr Antibiotika dafür gegeben, aber das schlägt ihr auf den Magen. Doch eine Pause oder ein Tag krank sein steht außer Frage. 150 Euro kostet das Zimmer am Tag und die müssen erst verdient sein, bevor Maria sich am frühen Morgen ins Bett legen kann und die Chance hat auf ein paar Stunden Schlaf. Die Männer, die hier unterwegs sind, könnten unterschiedlicher nicht sein – nur eins haben sie alle gemeinsam: Lust. Lust, die schnell befriedigt werden soll. Lust, die egoistisch ist und nur die eigenen Bedürfnisse kennt. Lust, mit der Maria konfrontiert wird.
Trotzdem sieht Maria mich besorgt an und fragt, wie es mir geht und sagt mir, dass ich aufpassen soll. Wie meine Oma eben. Oder meine Mutter.
Maria hat selbst einen Sohn – Johannes. Stolz holt sie ihr altes Handy hervor und zeigt mir ein Bild von ihm. Er ist hübsch, nicht wahr? Ja, antworte ich. Mir strahlt ein hübscher junger Mann Anfang 30 entgegen – in Markenkleidung und mit Gel in den Haaren. Fast schon ein Schnösel. Feierlich erzählt mir Maria, dass Johannes Medizin studiert – und zwar an der besten Universität Kolumbiens. Eine Privat-Universität. Er soll es später mal gut haben. Besser als Maria. Sie beugt sich zu mir und flüstert: Deshalb mache ich das hier. Die Ausbildung ist so teuer. Dann fällt ein Schatten über ihr Gesicht und sie fragt mich, ob wir zusammen beten können, wie wir es in letzter Zeit immer machen. Sie hat ein besonderes Anliegen: Dies soll ihr letztes Jahr hier sein. Wenn Johannes dieses Jahr sein Studium abschließt und endlich Geld verdienen kann, möchte sie raus hier. So schnell wie möglich.
Wir halten uns an den Händen und beten gemeinsam, wir umarmen uns wieder und Maria sagt mir noch einmal, ich solle aufpassen. Danach stehe ich auf und packe meine Sachen ein. Bevor ich das Zimmer verlasse, frage ich: Weiß dein Sohn, wie du das Geld für seine Universität verdienst? Ihre Augen werden groß und traurig: Natürlich nicht. Wenn er wüsste, wer ich bin, dann würde er mich hassen.
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