Wenn man sich entscheidet, seinen „normalen“ Beruf aufzugeben und bei einer Kirche zu arbeiten, verändert sich alles. Mein Leben wurde voller, menschlicher, chaotischer, unvorhersehbarer und – allem voran – wundervoller.
Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Mein Leben ist voller Wunder.
Gott begegnet mir in Momenten, an Orten und in Begegnungen, wo ich unwillkürlich innehalte – und voller Staunen feststelle, dass Gott gerade am Werk ist.
Jeden Tag passieren kleine und große Dinge, die mich überraschen oder besser: wo Gott mich überrascht. Wenn ich in meiner Zeit bei der Kirche bis jetzt eines gelernt habe, dann ist es, mit Gott zu rechnen. Tatsächlich bleibt oft gar nichts anderes übrig. Unsere Träume für Himmel auf Erden in der Stadt sind groß und es gibt mehr als genug Arbeit. Also lernt man, mit Gott zu rechnen. Das fiel mir gar nicht so leicht – als jemand, der die Zügel gerne fest in der Hand hat, ist es nicht leicht, wenn man die Zügel nicht mal sehen, geschweige denn greifen kann. Und doch darf ich von Tag zu Tag lernen, dass Gott ganz genau weiß, was wann wo gebraucht wird – vielleicht nicht immer dann, wenn es gerade auf meiner To-do-Liste steht und abgearbeitet werden will, aber doch immer rechtzeitig. Wie wundervoll!
Von einem heiligen Moment mitten im Tageswerk will ich euch gerne erzählen. In diesem Moment blieb für mich die Zeit stehen, die Welt hat kurz aufgehört sich zu drehen und der Sturm des Alltags wurde ruhig.
Wir waren mal wieder im Bordell unterwegs – doch der Besuch bei einer Frau war ganz anders als alle anderen, die ich bis dahin erlebt habe. Der Abend hat mich verändert. Mein Gottesbild, mein Weltbild, mein Selbstbild wurden einmal gründlich durchgerüttelt und neu definiert.
Wir waren schon eine Weile unterwegs, wir waren eine kleine Gruppe an diesem Abend. Ich war müde und ausgelaugt: Mein Kopf war voller Gedanken und mein Körper erschöpft vom 15-Stunden-Tag, der bereits hinter mir lag. Und so bin ich völlig unvorbereitet, als Gott mir begegnet, hier im dritten Stock des größten Bordells der Stadt, im Zimmer von Ela. Ich treffe sie heute zum ersten Mal und so verläuft unser Gespräch erst recht unspektakulär. Ich stelle mich vor, frage nach ihrem Namen, ihrer Herkunft und dann bieten wir ihr an, gemeinsam zu beten. Sie nimmt gerne an. Ein ganz normaler Abend an einem ganz normalen Wochentag – und plötzlich verwandelt sich ein Bordellzimmer in einen Tempel.
Denn Ela nimmt Gebet ernst: Sie schließt die Tür, und zieht sich um. Außerdem kramt sie nach einem Gebetstuch. Kerzen werden angezündet, sakrale Musik läuft im Hintergrund, die Schuhe werden ausgezogen und schließlich knien wir gemeinsam vor ihrem Bett.
Wir beugen unsere Köpfe, und ich beginne zu beten. Ich bete für Ela, für ihre Familie, dass sie spüren darf, wie sehr Gott sie liebt und wie sehr er sich über sie freut, dass er sie beschützt und bei ihr ist. Ich möchte Ela so gerne deutlich machen, dass sie Gottes geliebte Tochter ist. Mein ganzes Gebet dreht sich um Ela. Danach betet Ela. Und ihr ganzes Gebet dreht sich um alles – außer um sich selbst.
Sie betet auf Englisch, in gebrochenem Englisch und doch ist sie klar zu verstehen: Sie legt die gesamte Welt vor Gott hin. So eindringlich, wie ich noch nie jemand habe beten hören, betet sie für jedes einzelne Land, in dem momentan Krieg herrscht und Menschen in Angst vor Gewalt und Terror leben. Sie fleht um das Leben dieser Menschen, fleht für ein besseres Leben für all diejenigen, die unterdrückt werden. Sie betet für die anderen Frauen im Haus, dass sie getröstet werden. Sie betet für alle Familien, in denen Streit herrscht, wo Menschen, die sich eigentlich lieben, durch Hass getrennt sind. Sie betet, dass Mütter und Töchter sich wieder annähern, dass Väter ihre Söhne nicht mehr schlagen, dass Geschwister sich versöhnen, dass Mädchen nicht mehr missbraucht werden, dass Eheleute sich wieder lieben lernen. Ihre Stimme bricht immer wieder, ihr Ton wird eindringlicher.
Je länger sie betet, desto berührter bin ich. Mir sitzt eine Frau gegenüber, die – aus unserer Perspektive gesehen – allen Grund hätte, für sich selbst und ihre eigene Misere zu beten. Die allen Grund hätte, Gott anzuklagen und anzuflehen, um ein besseres Leben für sich selbst. Die allen Grund hätte, sich um sich selbst und ihre eigenen Probleme zu drehen.
Nichts von all dem kommt über Elas Lippen. Stattdessen sieht sie das Elend in der Welt um sich herum und legt es vor ihren liebenden Gott – in dem Wissen, dass Er ihr Gebet hört, dass Er das Elend sieht und dass Er genauso darunter leidet, wie sie auch.
Was sich hier in wenigen Zeilen niederschreiben und dabei doch kaum in Worte fassen lässt, dauert in etwa eine halbe Stunde – und ich spüre, wie ich dabei immer ruhiger und erwartungsvoller werde. Etwas Besonderes passiert gerade. Aber ich kann nicht genau einordnen, warum ich mich so fühle. Wir haben einen Bibelvers dabei und als ich ihn am Ende unseres Gebets vorlese, trifft es mich mit voller Wucht: „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“
Und plötzlich ist es mir bewusst und ich spüre mit jeder Faser meines Körpers, jeder Zelle meines Gehirns und von ganzem Herzen: Gott ist hier. Genau jetzt, genau hier. Gott ist gegenwärtig. Wie wundervoll.
Erwischt!
Wie oft kann ich Gott nicht verstehen und zweifle und hinterfrage… aber alles nur Wohlstandsfragen, Undankbarkeit wenn man es genau betrachtet!
Erwischt!
Liebe Grüße Ottilie
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