Happy End desperately needed.

Ich sitze gerade im frühesten ICE und fahre Richtung Heimat. Die Kirche macht Pause und ich nutze die Zeit, um für ein paar Tage nach Hause zu fahren. Als mein Wecker heute Morgen um 4:00 Uhr geklingelt hat, fand ich meine Idee, den ersten Zug aus der Stadt zu nehmen, zwar nicht mehr ganz so prickelnd wie mein Geldbeutel den noch verfügbaren Sparpreis vor ein paar Wochen, aber jetzt sitze ich hier und fahre im Sonnenaufgang nach Hause und mir wird wieder mal bewusst, wie gut ich es habe und wie dankbar ich bin. A life that’s good.

(Für alle, die sich fragen, woher eigentlich der Titel meines Blogs kommt, hier kurz die Erklärung: In meiner Liebe zu Country-Musik und als bekennender Serien-Junkie bin ich auf den Song „A life that’s good“ (Nashville Cast) gestoßen. Der Text des Liedes ist dann eigentlich auch schon selbsterklärend. Fertig.)

Nun sitze ich also hier, höre – natürlich – Country und lasse die Gedanken schweifen. Über ein Jahr lebe ich jetzt schon dieses neue Leben und für mich hat sich alles verändert. Als ich vor etwa 12 Monaten hier anfing, war mein Herz noch gebrochen über eine alte Liebe, die ich einfach nicht loslassen konnte. Heute bricht mein Herz, wenn ich die Menschen um mich herum ansehe und aufgrund der Tatsache, dass meine Liebe für sie gar nicht ausreicht, um wirklich etwas zu verändern: So viel Leid, so viel Verletzung, so viel Traurigkeit. Die Geschichten, die ich euch bis jetzt hier erzählt habe, haben meist eine positive Note. Natürlich sind sie tragisch, berührend und dramatisch (deshalb schreibe ich sie ja auch auf), doch es sind auch immer Momente gewesen, in denen mir ein Stück Himmel auf Erden begegnet ist.

Heute wird dies nicht so sein. Ich erzähle euch heute von einem Menschen, der vor unseren Augen zugrunde geht – und es bleibt nichts anderes, als zuzusehen. Himmel auf Erden ist hier schwer zu finden. Ich erzähle euch von einem Mädchen, nennen wir sie Esther. Ich habe sie im Verlauf des letzten Jahres fünf mal getroffen. Ich möchte euch ihre Geschichte in Abschnitten erzählen – heute: Unser Kennenlernen.

TAKE 1:
Esther bettelt auf den Straßen im Rotlichtviertel der Stadt und so sehen wir sie immer wieder, bevor sie uns das erste Mal anspricht. Sie trägt Kleider, die viel zu groß und zu weit sind für ihren dünnen, abgemagerten Körper und die Haare, mehr grau als braun und mehr Filz als Haare hängen schulterlang und glanzlos herunter. Doch sie ist schlau und hat eine ganz bestimmte Masche: Sie fragt die Menschen, ob sie Geld wechseln können. Wenn sie dann einen Blick ins Münzfach erhascht, fragt sie, ob sie das Kleingeld haben kann.

Geld können wir ihr nicht geben, doch wir bieten ihr ein wenig von unserer Schminke an. Außerdem schenken wir ihr einen Jutebeutel mit unserem Logo (den wir übrigens nie wieder gesehen haben). So kommen wir ins Gespräch und nachdem sie merkt, dass wir Christen sind, wird sie plötzlich ganz aufgeregt. Sie war vor 2 Jahren noch auf einem Pfingsttreffen einer großen deutschen Kirche – die gleiche, bei der auch ein Mädchen aus unserer Gruppe war. Sie haben sogar gemeinsame Bekannte, das stellen die beiden nach einem kurzem Gespräch fest.

Ich bin fassungslos. Esther ist – genau wie ich – in einem christlichen Elternhaus im Süden Deutschlands aufgewachsen, war in Jugendgruppen und bei Pfingsttreffen. Doch heute sitzt sie hier auf der Straße, verkauft ihren Körper buchstäblich an jeder Ecke und für fast jeden Betrag für Drogen und ist kaum in der Lage, unserem Gespräch zu folgen. Wann hat ihr Leben diese Wendung genommen?

Ich setze mich mit meiner Partnerin zu ihr auf die Straße, Menschen hasten an uns vorbei und wir unterhalten uns ein wenig über ihre Vergangenheit. Sie erzählt, dass sie für ihr Leben gerne singt; am allerliebsten ein Lied, dass sie noch aus der Jugendgruppe kennt.

Und plötzlich beginnt sie zu singen. Sie summt nicht nur die Melodie oder trällert es leise vor sich hin. Nein, sie singt. Laut und klar und deutlich. Leute fangen an uns anzustarren, sie gehen langsamer, manche bleiben sogar stehen. Wer mich kennt, weiß, dass mir diese Situation so unangenehm ist, wie es überhaupt nur möglich ist. Während Esther keine Hemmungen mehr hat, schäme ich mich in Grund und Boden. Doch plötzlich realisiere ich: Warum eigentlich?

Hier, auf einer der dreckigsten Straßen der Stadt, habe ich gerade eine Person getroffen, die sich in all ihrem Elend an dieses eine Lied erinnern kann und sie singt es voller Inbrunst nicht nur mir, sondern allen auf dieser Straße vor. Was für ein seltsam schöner Moment! Also stimme ich mit ein und der Rest des Teams tut das gleiche. Zusammen sitzen wir hier und singen ein Lobpreislied und jeder kann es hören. Das Lied, das wir singen, beschäftigt mich seitdem immer wieder und wenn ich mir ihr Leben ansehe, finde ich es fast ironisch…

“Meine Seele sucht Heimat, mein Herz sucht Glück,
doch wo immer ich hingeh, geht´s mal vor und mal zurück,
ich sehn mich nach Frieden, was ich auch tu,
am Ziel meiner Suche stehst Du.
Mein Freudeschenker, mein Heimatgeber,
mein Glücklichmacher und mein Schuldvergeber,
mein Friedensbringer und mein Worteinhalter,
mein Liebesspender bist Du.
Du tust im innern meiner Seele gut, und Du tust, was Balsam auf den Wunden tut, und Du suchst mich, wenn ich mich in mir verlier, in mir verlier.
Meine Sehnsucht nach Liebe ist täglich da,
doch ich kann nirgends finden, was ich bei dir sah.
Meine Schuld braucht Vergebung, was ich auch tu,
am Ende des Weges stehst Du.“
(Du tust – Text & Melodie: Tobi Wörner – © 2008 SCM Hänssler, 71087 Holzgerlingen)

Zu wissen, dass Gott – egal was auch passieren mag – am Ende ihres Weges steht und sich freut, ihr saubere Kleider anzuziehen und ihr das beste Essen aufzutischen, sich unfassbar danach sehnt, dass sein kleines Mädchen und seine geliebte Tochter endlich bei Ihm sein darf, tröstet mich. Auch wenn ich nicht weiß, ob diese Geschichte ein Happy-End nimmt.

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