Wir kennen Liana schon lange, sie ist tatsächlich eine der ersten Frauen, denen wir damals begegnet sind. Unsere Beziehung zu ihr war über einen längeren Zeitraum eher oberflächlich, aber hat sich im letzten Jahr intensiviert. Mittlerweile kenne ich Liana richtig gut, wir sind Freundinnen geworden. Sie kennt meine Freunde, meinen Freund (und versteht sich bestens mit ihm, yeah!) und mein Leben. Wir schreiben regelmäßig und treffen uns – und bei diesen Treffen bin nicht ich die Helfende und sie die Empfängerin meiner Hilfe, sondern es treffen sich dann zwei Frauen, die sich auf Augenhöhe austauschen. Über meine stümperhaften Rumänisch-Versuche lacht sich Liana tot: Mein Gehör ist so schlecht, ich kann die unterschiedlichen Laute nicht mal hören, geschweige denn aussprechen.
Im Sommer war ihr Vater ein paar Wochen in Deutschland zu Besuch und ich durfte ihn kennenlernen. Mit ihm habe ich über die Geschichte Rumäniens gesprochen und da ich diesen Sommer für ein paar Tage in das Heimatland der beiden gereist bin, hat er mir die wichtigsten Wörter beigebracht, die Währung erklärt und es sich nicht nehmen lassen, mir ein paar Lei (rumänisches Geld) für Kaffee mitzugeben. Das hört sich alles wunderbar romantisch und harmonisch an, nicht? Das war es auch – immer mal wieder. Lianas Papa ist ein wunderbarer, witziger, liebevoller Mensch, der seine Tochter liebt. Das sieht man. Er sorgt sich um ihr Wohlergehen und will nur das Beste für sie. Aber er ist auch ein Mann, der unter den Schicksalsschlägen seines Lebens leidet, in seinen Umständen gefangen ist und viele, viele Probleme hat.
Man muss wissen, dass Lianas Familie sehr zerbrochen ist. Als Liana noch ein kleines Mädchen war, verließ die Mutter die Familie für einen anderen Mann und lebt seitdem in Italien. Die Trennung brach ihrem Vater das Herz und er begann, schlimm zu trinken. Heute, viele Jahre später, ist sein Körper völlig am Ende durch den jahrelangen Alkoholkonsum. Als er diesen Sommer nach Deutschland kam, war seine Mutter – Lianas Oma – gerade gestorben und Liana hat ihn nach Deutschland geholt, weil sie Angst hatte, dass er sich in Rumänien buchstäblich zu Tode trinkt. Da weder Liana noch ihr Vater krankenversichert sind, folgen viele Termine in der offenen Ambulanz unserer Stadt, Röntgentermine, um zu testen, ob er Tuberkulose hat, und endlose Gespräche darüber, dass er aufhören muss, zu trinken und zu rauchen, wenn er weiterleben möchte. Lianas Vater weiß nicht, was sie arbeitet, doch wenn wir gemeinsam unterwegs sind, bin ich erstaunt darüber, wie selbstverständlich Liana alles bezahlen muss – die Taxifahrten, Bahntickets, den Kaffee danach, die Medikamente, sogar seinen Alkohol und seine Zigaretten. Wie anders sind doch meine Erfahrungen, wenn meine Eltern zu Besuch sind. Liana finanziert nicht nur sich selbst und seinen Lebensunterhalt, sie überweist jeden Monat auch viel Geld nach Italien zu ihrer Mutter und ihrem Halbbruder, damit er in die Schule gehen kann.
Einige Monate und ein paar kleine Dramen später entschließt sich Lianas Vater zurück nach Rumänien zu gehen. Er mag die Großstadt nicht und fühlt sich hier ohne Deutschkenntnisse verständlicherweise sehr einsam. Arbeiten zu gehen ist aufgrund seiner Gesundheit nicht möglich. Liana ist sehr traurig darüber – sie hat alles gegeben, um es ihm hier schön zu machen und es war deutlich sichtbar, dass ihr die gemeinsame Zeit mit ihrem Papa trotz allem gut tat.
Seit einigen Wochen ist ihr Vater wieder in Rumänien – doch leider geht es ihm nicht besser. Im Gegenteil. Er trinkt mehr als zuvor und steckt in tiefen finanziellen Schwierigkeiten. Vor wenigen Tagen erhielt Liana frühmorgens einen Anruf: Ihr Vater wurde über Nacht brutal zusammengeschlagen – von einem Geldeintreiber seines Kredithais. Anstatt seine Finanzen in den Griff zu bekommen oder zur Polizei zu gehen, erwartet ihr Vater, dass Liana Geld schickt. Das Schlimmste daran: Mit dem Geld bezahlt er nicht nur Schulden oder Alkohol, sondern auch Sex.
Das hat Liana erfahren, kurz bevor wir sie letzte Woche bei unserer Runde im Bordell sehen. Sie ist zutiefst getroffen. In einem Streit im Sommer hat sie ihrem Vater gesagt, womit sie ihr Geld verdient – und nun gibt er das von ihr so hart verdiente Geld aus, um damit andere Frauen für Sex zu bezahlen. Wo sie vorher nie hinterfragt hat, ob es ihre Verantwortung ist, ihre gesamte Familie zu finanzieren, bröckelt nun ihr Pflichtgefühl. Wir haben ein langes Gespräch über Eltern und Kinder, über die jeweiligen Beziehungsrollen und weinen gemeinsam darüber, wie gedemütigt und benutzt sich Liana fühlt. Immer wieder sagt Liana: “So ist doch kein Vater, oder?”
Trotz allem, was sie in ihrem jungen Leben schon erlebt hat (die paar Zeilen hier beschreiben nur einen winzigen Teil davon), ist Liana einer der optimistischsten und hoffnungsvollsten Menschen, die ich kenne und ihr Gottvertrauen ist für mich wirklich bewundernswert. Wir sitzen auf ihrem Bett und ich bin so wütend. Wütend über ihren Papa, wütend auf die Welt, wütend auf unser deutsches Sozialsystem und Liana sagt immer wieder: “It’s not over yet. I know God has a plan for me.” Und während sie das sagt, immer wieder sagt, muss ich an ein Lied von For King & Country denken: “It’s not over yet”. Das Lied passt perfekt zu Liana. Wenn alle Umstände gegen einen sprechen, dann hat der Sänger des Liedes trotzdem Vertrauen darauf, dass das noch nicht alles war. Das Lied geht weiter und spricht dem Hörer zu: Hör nicht auf zu kämpfen, hör nicht auf zu glauben, das war nicht alles!
Ich sehe Lianas Laptop auf ihrem Tisch neben der Tür stehen und habe eine Idee. Ich suche ein Video des Liedes heraus, bei dem man den Text mitlesen kann. Und dann sitzen wir auf ihrem Bett und sehen uns gemeinsam dieses Lied an. Ich kann sehen, wie Liana den Text mitliest und versteht und immer wieder nickt sie, als würde sie sagen wollen: Genau, ja, ich weiß!
Das Lied ist vorbei, die normale Party-Playlist läuft wieder, wir verabschieden uns und beten noch miteinander – unser Gebet ist heute keine fröhliche Angelegenheit. Die Ärzte haben ihrem Papa gesagt, dass er nicht mehr lange leben wird, wenn er so weiter trinkt. Liana hat Angst, ihn zu verlieren, aber sie hat auch Angst davor, was die Zukunft bringen wird, wenn er lebt. Wieviel Geld wird er fordern, wie oft bekommt sie noch solche Anrufe aus dem Krankenhaus, wie soll es nur weitergehen? Wir bringen all das vor Lianas himmlischen Vater – es ist vieles, was wir an diesem Abend nicht verstehen und wo die Ungerechtigkeit nur so zum Himmel schreit. Aber wir erinnern uns auch gemeinsam daran, dass das noch nicht alles war, dass Gott einen wundervollen Plan für Liana hat und dass er sie fest in seiner Hand hat.
Unser Abschied ist bedrückter als sonst – wir alle wissen nicht, was vor uns liegt. Ich gehe von ihrem Zimmer ins Treppenhaus und mache mich auf den Weg nach oben, zu anderen Frauen, doch plötzlich halte ich inne: Die normale Bordell-Geräuschkulisse von Partymusik, Unterhaltungen und Rufen wird von etwas anderem übertönt – einem meiner Lieblingslieder. Nachdem wir gegangen sind, hat Liana noch einmal das Lied angemacht, voll aufgedreht und ich kann hören, wie sie im Flur laut mitsingt: “It’s not over yet!”
Falls ihr dieses Lied “It’s not over yet” von For King & Country gerne nach hören wollt und das Video sehen möchtet, das wir an diesem Abend gemeinsam angesehen haben, dann ist hier der Link für euch: https://www.youtube.com/watch?v=XmTmTMcdxOs
Das ist ja stark, was Sie da schreiben! Und trotzdem verstehe ich Vieles davon, denn auch mein Leben ist getragen vom Vertrauen auf Gott. ohne dieses Vertrauen hätte ich mein Leben nicht bewältigt. Das kann ich bezeugen. Alles Gute und herzlichen Dank für den wunderbaren Beitrag!
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